Dr. Alice Stewart.    
Birmingham Regional Cancer Registry, England, 13. September 1981
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Dr. Stewart geniesst als Autorität auf dem Gebiet der gesundheitlichen Gefahren von Niedrigstrahlung weltweite Anerkennung. 1956 gelangte sie zu der Feststellung, dass eine einzige Röntgenaufnahme bei einer Schwangeren das Krebsrisiko des Kindes um 50-100% erhöht.
    Sie hat Untersuchungen von Arbeitern in Uranminen, japanischen Atombomben Opfern und Arbeitern in der Atomindustrie durchgeführt. In letzter Zeit konzentriert sie sich auf die gesundheitlichen Auswirkungen der natürlichen Strahlung.

   »Einzellige Lebewesen konnten erst existieren, als die Strahlung vor vielen Millionen Jahren auf den heutigen Stand gesunken war. Und für unser Überleben brauchen wir eine genauso sorgfältig ausbalancierte Umwelt. Doch die Menschheit in ihrer Arroganz erhöht mittlerweile die Strahlenbelastung und dreht die Uhr der Evolution zurück.«

 

   Dr. Alice Stewart- Birmingham, England, 2. September 1981

   Meine Bekanntheit verdanke ich allein dem Umstand, dass ich über das Krebsrisiko von Niedrigstrahlung gestolpert bin, und das kam so: lch wusste, dass bei Kindern nach Ende des 2. Weltkriegs etwas Merkwürdiges zu beobachten war, nämlich ein weltweiter Anstieg der Leukämie-Sterblichkeit. Das Merkwürdige war, dass Kinder zwischen zwei und drei Jahren viel stärker betroffen waren als jüngere oder ältere Kinder. Da kam mir der Gedanke, dass pränatale Einflüsse an den Krebserkrankungen der Kinder schuld sein könnten.

   Was brachte Sie auf diesen Verdacht? Hätte es nicht auch etwas sein können, das nach der Geburt begann?

   Das wäre möglich gewesen, aber das pränatale Leben unterscheidet sich sehr vom postnatalen. Wenn man also nach einem besonderen Ereignis sucht, ist es wahrscheinlicher, dass es mit dem pränatalen Stadium zu tun hat, und nicht mit dem Leben nach der Geburt.

   Irgendein Ereignis, das unbemerkt geblieben war?

   Genau. Und das, was unbeachtet blieb, waren die pränatalen Röntgenaufnahmen. Deren Wirkung ist allerdings so gering, dass sie in der Vitalstatistik keinerlei Spuren hinterlassen. Schauen Sie, es werden überhaupt nur zehn Prozent der Schwangeren geröntgt, und nur die Hälfte der Kinder bekommt dann Krebs.

   Das wären also fünf Prozent . . .

   Ja, und das ist ein Effekt, der nicht auffällt. Fünf Prozent, verteilt auf eine Vitalstatistik, die Lebensabschnitte von jeweils fünf Jahren umfasst, das ist nicht wahrnehmbar.

   Nicht einmal,für einen Statistiker?

   Nun, man müsste schon mit der Lupe danach suchen. Und selbst dann hätte man es anhand der Vitalstatistik allein nicht entdecken können, denn die Röntgen-Risikogruppe waren Kinder bis zu vier Jahren - an dem Punkt hätte man es finden können, denn für dieses Alter werden individuelle Todesursachen noch erfasst - aber danach werden sie nach Lebensabschnitten von je fünf Jahren zusammengefasst. Krebssterblichkeit, die im Zusammenhang steht mit pränataler Belastung durch Röntgenstrahlen, tritt gehäuft in der Altersgruppe der Fünf und Sechsjährigen auf. Diese Tode wären also mit denen der nächsten vier Jahre verschmolzen, und der Effekt wäre niemals zu entdecken gewesen. Dass er doch entdeckt wurde, war also in erster Linie eine Folge meiner Überlegungen.

   Was veranlasste Sie, den Faktor Röntgenstrahlen in Ihrer Studie zu berücksichtigen?

   Ich wollte alles berücksichtigen. Ausserdem wurden damals, Mitte der fünfziger Jahre, die Ergebnisse der Hiroshima-Untersuchung veröffentlicht. Das trage ich seither immer mit mir herum. Sehen Sie, wir begannen 1955 mit unserer Studie, und die Atomic Bomb Causalty Commission hatte ihr Projekt im Jahr 1950 begonnen. Nun, da zirkulierten schon allerhand Gerüchte, und man wusste, dass Strahlenbelastung zu Leukämie führen kann.


    Und nun ist es so, dass Leukämie die Hälfte aller Krebserkrankungen bei Kindern ausmacht. Für jemanden, der das wusste, war es also nur natürlich, in einer Studie auch die Frage nach Röntgenuntersuchungen zu stellen. Das Besondere bei mir war, dass ich die Frage so formulierte, daB die Mutter alles angeben konnte, was seit Beginn der Schwangerschaft mit ihr geschehen war.


    Im Grunde könnte man sagen, meine Studie nahm zur Kenntnis, dass das Leben mit der Empfängnis beginnt, und nicht erst mit der Geburt. Doch die Vorstellung, dass Krebserkrankungen von Kindern auf das pränatale Stadium zurückgehen können, war vollkommen neuartig.
    Die Vorstellung, dass man ohne Krankheitserscheinungen zehn Jahre all werden kann, dabei aber schon seit einem Zeitpunkt vor der Geburt an einer Krankheit leidet, war für Ärzte undenkbar.
Doch wir haben seither nachweisen können, dass solche scheinbar normal gesunden Kinder überhaupt nicht normal gesund waren.

    Sie haben ein tödliches Leiden.

    Nun, dass sie ein tödliches Leiden haben, wissen wir jetzt alle, aber der springende Punkt ist: Wenn bei ihnen eine schwere Infektion hinzukommt, dann sterben sie, während Sie und ich nicht sterben. Und was bedeutet das für die Krebsstatistik?
    Es schwächt sie ab, nicht? Die Kinder leben nicht mehr so lange, dass man den Krebs bei ihnen feststellen kann. Für mein Empfinden krankt also die ganze Krebsgeschichte daran, dass nicht berücksichtigt wird, was für eine Wirkung ein Krebs schon lange vor seiner Entdeckung hat. Dass nämlich die Betroffenen an allerhand natürlichen Ursachen sterben.


    Wenn Sie ein Jahr von dem Ausbruch einer Leukämie entfernt sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Lungenentzündung bei Ihnen tödlich verläuft, mehr als dreihundertmal grösser. Und zwar, weil Ihr Immunsystem geschwächt ist.
    Als ich den Röntgen-Effekt entdeckte, wusste ich sofort, dass wir auf etwas absolut Einzigartiges gestossen waren, denn dies war eine Krebsursache, die sich genau datieren liess. Die verursachende Strahlenmenge war klein, aber sie wurde voll von einem Ungeborenen absorbiert. Und verursachte jede Art von Krebs, die man bei jener Altersgruppe kennt.
    Keine Krebsursache hatte ein solches Spektrum.

   Bis auf die Röntgenstrahlen.

   Die wir dingfest machten. Niemand sah damals, was mir vorschwebte: Ich hatte, was die Ursache von Krebserkrankungen bei Kindern angeht, den Polarstern entdeckt, und wenn man erst mal einen Fixstern am Firmament hat, kann man die übrigen bestimmen. Aber man muss die Zeit dafür haben. Und die Möglichkeit, massenhaft Daten zu sammeln, noch und noch ...

   Im Zusammenhang mit Strahlenschäden ist auch davon die Rede, dass der Körper den Schaden reparieren kann. Können Sie beschreiben, wie das abläuft?

   Wenn ein fremder Organismus in den Körper gelangt und nicht entdeckt wird, vermehrt er sich. Das ist unser bekannter Freund, die Infektion, ja?
   Aber es gibt noch eine andere Art von fremdem Protein, nämlich unsere eigenen Zellen, wenn sie mutieren. Sie können es rein zufällig tun, aber wahrscheinlicher ist, dass sie es unter dem Einfluss von Strahlung und anderen Karzinogenen tun.


    Nun gibt es dagegen allerhand Schutzmechanismen. Ohne sie könnte man gar nicht leben. Und unseren hauptsächlichen Schutzmechanismus verstehen Sie, wenn Sie die Doppelhelix verstehen.

   Die Helixformation bewirkt, dass die Gene, die alle Vorgänge in einer Zelle steuern - und viele von ihnen sind >stumm<, d. h. es ist so, als würden auf einer Klaviatur nur bestimmte Tasten gedrückt, um diesen und jenen Effekt zu erzeugen - also diese steuernden Gene sind in Paaren angeordnet, und wenn ein Gen zerstört wird, baut das andere es wie nach einer Schablone wieder auf.

    Es genügt also nicht, dass ein Gen auf einer Seite zerstört wird und eines auf der anderen, sondern es muss ein Paar zerstört werden, ehe Sie in Schwierigkeiten geraten. Aber - jedesmal, wenn sich eine Zelle teilt, streckt sich die Doppelhelix. Sie muss sich anpassen und genau so viele Steuerungsfaktoren wie die Nachbarzelle haben. Und obwohl es keinen endgültigen Beweis dafür gibt, existiert doch die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Streckvorgang am anfälligsten ist für eine Schädigung durch Strahlung.


    Eigentlich sind wir Menschen ziemlich gut gegen Strahlen geschützt, und zwar schon aus dem einfachen Grund, weil wir eine Haut haben. Das ist die »Dicke eines Blatts Papier«, auf die so oft abgehoben wird, und von der man sagt, dass sie Alpha-Strahlen stoppen kann. Unsere Haut schützt uns, genau gesagt, gegen etwa fünfzig Prozent aller Radioaktivität, die uns umgibt, aber nicht gegen Gammastrahlen, Neutronen und Röntgenstrahlen.

Dr. Alice Steward

 

   Wenn wir keine Haut hätten, wären wir auch noch allerhand anderen Dingen ausgesetzt. Aber sehen Sie nicht, dass ein einzelliges Lebewesen noch verletzlicher ist als wir?

   Das logische Argument ist, dass einzellige Lebewesen erst existieren konnten, als die Strahlung vor vielen Millionen Jahren auf den heutigen Stand gesunken war. Und für unser Überleben brauchen wir eine genauso sorgfältig ausbalancierte Umwelt. Doch die Menschheit in ihrer Arroganz erhöht mittlerweile die Strahlenbelastung und dreht die Uhr der Evolution zurück.

   Haben die Bombentests die Strahlenbelastung erhöht?

    Nun, die Bombentests hatten einen spürbaren Effekt, und den können Sie in Ihrem eigenen Knochengerüst nachmessen. Und wenn wir zulassen, dass jede Nation auf der Welt in ihrer Stromversorgung abhängig wird von Kernenergie, nur weil sie davon ausgeht, dass ein Aufenthalt in Kohlebergwerken nicht mehr sicher ist und man tunlichst auch die Wälder nicht verheizen sollte - dann drehen wir buchstäblich die Uhr zurück.
    Es könnte soweit kommen, dass die Entwicklung der Biosphäre, die Jahrmillionen gebraucht hat, um menschliche Wesen hervorzubringen, langsam umgekehrt wird. Und die Menschen werden dann nicht die ersten sein, die verschwinden.

   Wer dann?

   Amöben.

   Und dann?

   Die Lebewesen, die sich von Amöben ernähren, und dann die, die sich von denen ernähren, und so weiter ... und zuletzt wir.

   Hört sich an wie eine Kettenreaktion ...

   Ja, natürlich, das ist es auch, nur geschieht es nicht von heute auf morgen. Es ist etwas, das heute noch nicht ins Gewicht fällt - aber es hat keine Zukunft. Noch nie hat jemand diese Uhr zurückgedreht. Es gab nie eine Möglichkeit dazu. Dabei wird die Welt heute eigentlich ein wenig toleranter gegenüber allem Leben.

    Wären wir doch nur so intelligent, dass wir uns bei der Energiegewinnung an den molekularen Prozessen orientieren, wie Pflanzen sie verwenden, statt dass wir Atome spalten! Wenn wir in die Erforschung der molekularen Vorgänge der Photosynthese soviel Energie und Nachdenken investiert hätten wie in die Ergründung der Kernspaltung, dann hätten wir inzwischen vermutlich so etwas wie eine von Menschenhand geschaffene Photosynthese.


    Mein Motto ist: Wenn Pflanzen es können, dann können wir es auch. Aber wir bräuchten Geldmittel in der Grössenordnung des Manhattan-Projekts, um es auf den Weg zu bringen. Statt dessen haben wir eine Seite der Wissenschaft auf Kosten der anderen vorangetrieben und sind in eine Schieflage geraten, wo es so aussieht, als könnten wir unsere Energie nur aus der Kernspaltung beziehen. Und was machen wir damit?
    Wir drehen die Entwicklung der Erde zurück.


    Der Effekt ist noch sehr gering, aber stellen Sie sich vor, wir machen so weiter und dehnen es immer mehr aus. Atommüll wird nicht nur die Krebsbelastung der Bevölkerung erhöhen, sondern auch die Belastung durch Erbschäden - eine Schädigung zukünftiger Generationen der menschlichen Rasse. Wie kommen wir eigentlich dazu, mit der Erde so umzuspringen?

   Es gibt inzwischen mehrere Studien über die Folgen von Niedrigstrahlung, und alle weisen in dieselbe Richtung. Die wichtigste ist eine Untersuchung von Beschäftigten in der amerikanischen Atomindustrie. Sie ist soweit gediehen, dass man sehen kann.


    Wie wirkt sich das Risiko je nach Alter aus, je nach Latenzperiode, und vor allem je nach Dosis. Das entscheidende Ergebnis ist: Je niedriger die Dosis - was praktisch heisst, je langsamer die Dosis auf die Bevölkerung einwirkt -, desto höher das Krebsrisiko pro Dosis-Einheit. Mit anderen Worten, ein auf Jahre verteiltes Einwirken von Strahlung reduziert nicht die Gefährlichkeit, sondern erhöht sie.


    Indem wir uns auf die Technologie der Kernspaltung verlassen, stellen wir uns gerade gegen die Prozesse, die Leben möglich machen. Ist es nicht an der Zeit, dass wir die Pressionen und das Geld von diesem Spiel mit dem Feuer abziehen und wirklich mal nennenswerte Mittel in die biologische Forschung stecken?

 

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